05.04.2026
Kategorien:- Demenz
Wenn alte Ängste wieder laut werden
Viele Menschen mit Demenz leben nicht einfach in der Vergangenheit. Sie leben emotional wieder in einer Zeit, in der Angst Alltag war.
Für viele heute 83- bis 86- jährige war Kindheit keine geschützte Zeit. Sie war geprägt von Bombendrohungen, Sirenen, Fliegeralarm, dem schnellen Griff nach dem Teddybären, dem kleinen Koffer, dem Weg in den Schutzkeller.
Das war keine Ausnahme, das war Normalität.
Diese Erlebnisse sind nicht verschwunden, sie wurden verdrängt, jahrzehntelang.
Nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil Schweigen Überleben bedeutete.
Mit einer Demenz geht oft genau diese Fähigkeit verloren:
- Erinnerungen einzuordnen,
- Gefühle zu kontrollieren
- Vergangenes als vergangen zu erkennen.
Was bleibt, ist das Gefühl - und das ist stark.
Wenn heute Sirenen getestet werden, wenn im Fernsehen Kriegsrhetorik verwendet wird, wenn die Nachrichten von Straßenschlachten berichten oder Zeitungen entsprechende Bilder zeigen, dann reagieren manche Menschen mit Demenzdiagnose nicht rational -> sie reagieren existenziell.
Für sie ist das keine Information, es ist Wiedererleben.
Der Körper erinnert sich schneller als der Verstand.
Das führt zu Reaktionen, die Angehörige oft erschüttern.
- Panik, Angst, Aggression, Erstarrung. Weinen ohne erkennbaren Anlass. Und das scheinbar aus dem Nichts.
Viele Angehörige wissen nichts von diesen Erlebnissen. Nicht, dass es sie nicht interessiert hätte, sondern weil nie darüber gesprochen wurde. Oder weil selbst die Betroffenen jahrzehntelang keinen Zugang dazu hatten.
Erst wenn die Kraft zur Unterdrückung fehlt, bricht etwas auf, das sehr alt ist.
Das nennt man Retraumatisierung und sie passiert nicht geplant, nicht logisch und nicht vorhersehbar.
Für pflegende Angehörige ist das extrem belastend. Sie stehen plötzlich vor Ängsten, die sie nicht einordnen können. Sie sollen beruhigen, auffangen, erklären – und wissen oft nicht einmal, was sie da gerade auffangen?
Sie hören Sätze, sehen Reaktionen, erleben Verzweiflung. Und Sie fragen sich:
- Was mach ich falsch?
- Warum wird es denn immer schlimmer?
- Wie soll ich das aushalten?
Die ehrliche Antwort ist:
Das ist wirklich schwer auszuhalten.
- Pflegende Angehörige sind schließlich keine Therapeut:innen.
- Pflegende Angehörige sind keine Trauma - Fachkräfte
Und trotzdem tragen sie Situationen, die hoch belastet sind. Emotional und menschlich.
Diese Arbeit ist unsichtbar und wird oft unterschätzt.
Im Umgang mit solchen Situationen hilft eines ganz besonders:
Nicht zu korrigieren.
Sätze wie
„das ist doch nur eine Probe“, oder
„es ist doch schon lang vorbei“
helfen nicht, sie verschärfen die Angst. Denn das Gefühl ist real.
Auch wenn der Auslöser es nicht ist.
Was hilft, ist:
Sicherheit.
Eine ruhige Stimme, langsame Bewegungen. Kurze klare Sätze. Nähe, wenn sie gewünscht ist.
Nicht die Geschichte muss stimmen, das Gefühl muss gehalten werden. Es geht nicht darum, Erinnerungen zu berichtigen. Es geht darum, in der Angst nicht allein zu lassen.
Und ja:
Nachrichten zu reduzieren, Bilder zu vermeiden, Sirenenzeiten zu kennen.
Das ist kein Wegschauen, das ist Schutz.
Aber mindestens genauso wichtig ist der Blick auf die Angehörigen selbst.
Sie brauchen Wissen.
Sie brauchen Aufklärung darüber, dass solche Reaktionen normal sein können.
Sie brauchen Räume, in denen sie erzählen dürfen, ohne bewertet zu werden.
Und sie brauchen Entlastung. Echte Entlastung.
Denn wer pflegt, trägt oft nicht nur einen Menschen, sondern eine ganze, nie erzählte Geschichte.
Diese Last darf nicht privat bleiben, sie gehört gesehen, benannt, ernst genommen.
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie gehen Angehörige damit um, sondern:
Wie können wir als Gesellschaft verhindern, dass sie damit allein bleiben?
Copyright: Hanna Fiedler, Vizepräsidentin der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger